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Thema der Diplom- & Final Thesis »Toilette für Alle«

Öffentliche Toiletten sind Inseln der Intimität mitten im städtischen Raum. Sie sollten allen Teilen der Stadtgesellschaft in gleicher Weise zur Verfügung stehen und niemanden diskriminieren. Die Absolvent:innen präsentieren ihre Arbeiten unter dem Titel »Toilette für Alle«. Fünf Fragen an Jun.-Prof. Max Zitzelsberger, der diese Aufgabe ausgegeben hat.

Eine „Toilette für Alle“ zu entwerfen, ist ein ungewöhnliches Abschlussthema für Absolvent:innen des Fachbereichs Architektur. Wie kam es dazu?

Mich haben als Architekt immer schon die vermeintlich kleinen Aufgaben interessiert. Seit ich 2019 die Juniorprofessur in Kaiserslautern angetreten habe, steht der kleine Maßstab auch im Fokus meiner Lehr- und Forschungstätigkeit. Unter anderem haben unsere Studierenden einmal Bienenhäuser entwerfen dürfen – das kommt auch nicht oft vor.

 

Aber es geht Ihnen nicht um eine Verzwergung der Disziplin, oder?

Nein, überhaupt nicht! Aber ich bezweifele, dass große Entwurfsaufgaben wie Schulen oder Museen automatisch komplexer sind als kleine. Je kompakter der Raum, je kleiner das Volumen, desto wichtiger werden die Details und ihre Relationen zueinander – und die Folgen einer unpräzisen Konzeption werden umso gravierender. Im sehr kleinen Maßstab hängt die Qualität quasi von jeder einzelnen Schraube ab, es gibt hier keine einzige unwichtige Entwurfsentscheidung.

 

Wie kam das Thema Geschlechterpolitik hinzu?

Genderfragen interessieren mich schon eine ganze Weile, und ich habe gemerkt, dass die öffentliche Toilette auch aus dieser Perspektive hochinteressant ist. Zunächst kommt uns die Funktion einer öffentlichen Toilette vielleicht trivial vor, aber bei näherer Betrachtung lässt sich daraus einiges über die Beziehung zwischen Gebautem und Gesellschaft ablesen. Die Vorstellung, dass Architektur neutral sei und nichts mit den vorhandenen Machtverhältnissen zu tun habe, sollte eigentlich längst obsolet sein. Diskriminierung bildet sich im Raum ab und ist bereits in ihm angelegt. Wenn wir also Diskriminierung unterbinden wollen, müssen wir anders über Raum und Architektur nachdenken.

Wie hat das Kollegium die Aufgabenstellung aufgenommen?

Es gab zunächst ein paar Bedenken: Ist die Aufgabe nicht zu wenig „repräsentativ“ für eine Abschlussarbeit? Überfordert es die Studierenden, wenn kein konkreter Ort vorgegeben wird, sondern innerhalb des Stadtgebiets von Kaiserslautern freie Wahl besteht? Aber auch die geforderte Auseinandersetzung mit dem Thema Gender war für einige Lehrende zunächst ungewohnt. Ich bin mir aber sicher, dass es auch bei dieser Aufgabe wieder Studierende gibt, die sie hervorragend lösen werden.

 

Ist diese Aufgabenstellung auch als programmatisches Signal des fatuk zu verstehen, das man die Zeichen der Zeit verstanden hat?

Als Architekt:innen sind wir heute in einer zwiespältigen Lage: Wir wollen bauen, wissen aber, dass es im Sinne der Nachhaltigkeit am besten wäre, nicht zu bauen. Nun ist die zu entwerfende „Toilette für Alle“ immerhin relativ klein, sie durfte sogar ein- oder angebaut werden und musste aus gebrauchtem Material konstruiert sein. Ich denke, dass sich die Absolvent:innen durch diese Aufgabe mit einigen essenziellen Zukunftsfragen unseres Berufsstands beschäftigt haben und sich ihrer Verantwortung für die Gesellschaft bewusst sind.

 

 

Das Gespräch führte Nils Ballhausen.